Montag, 15. August 2011
Joachim Bauers "Schmerzgrenze" - Ein Kommentar
Auf das Buch von Joachim Bauer „Schmerzgrenze – Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt" (2011 erschienen) bin ich durch eine Buchbesprechung aufmerksam geworden. Alleine der Titel lädt dazu ein, sich das Buch einmal genauer anzuschauen. (gelegentlich kann die Seitenangabe bei Zitaten um eine Seite nach hinten oder vorne abweichen, da ich das Buch als E-Book gelesen habe und die Seitenangaben etwas undeutlich waren...)
Zunächst einmal fand ich es schön, dass der Autor die immer noch weit verbreitete Grundannahme, der Mensch verfüge über einen natürlichen „Aggressionstrieb“ (einer natürlichen „Lust an der Gewalt“), als ein durch heutige Forschungen belegtes unhaltbares Konzept beschreibt. Unser Gehirn sei vielmehr auf Kooperation eingestellt und auf das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit. Aggressionen gar Gewalt sind – so die Hirnforschung – zunächst einmal keine zentralen menschlichen Handlungsoptionen. Aggressionen sind allerdings etwas Lebenswichtiges. Sie versetzen Lebewesen in die Lage, Schmerz abzuwehren und ihre körperliche Unversehrtheit zu bewahren. Das ist ihre „natürliche“ Aufgabe. Wer sich der Schmerzgrenze eines Lebewesens nähert oder diese überschreitet, wird Aggression ernten. Das Zentrale an Bauers Buch wird durch folgendes Zitat deutlich: „Die Schmerzgrenze wird »aus Sicht des Gehirns« keineswegs nur dann überschritten, wenn Menschen physischer, also körperlicher Schmerz zugefügt wird. Die Schmerzzentren des Gehirns reagieren auch dann, wenn Menschen sozial ausgegrenzt oder gedemütigt werden.“ (S. 36)
„Die Beobachtung, dass soziale Zurückweisung, Ausgrenzung und Verachtung »aus Sicht des Gehirns« wie körperlicher Schmerz wahrgenommen werden, bedeutet einen Durchbruch im Verständnis der menschlichen Aggression. Mit einem Male wird verständlich, warum nicht nur körperlicher Schmerz, sondern auch Ausgrenzung und soziale Demütigungen potente Reize darstellen, die den neurobiologischen Aggressionsapparat aktivieren und Gewalt hervorrufen können.“ (S. 35)
Erfolgreich kommunizierte Aggression ist konstruktiv, so Bauer. Sprich die Menschen, die Verachtung und Ausgrenzung erfahren, müssen dies ausdrücken können und bestenfalls auch eine konstruktive Reaktion bekommen. Aggression, die ihre kommunikative Funktion verloren hat, ist destruktiv. Wichtig fand ich dabei die folgende „beiläufige“ Info im Buch: „Hemmungen und andere Schwierigkeiten, legitime Aggression zu kommunizieren, entstehen vor allem dann, wenn in den Jahren der Kindheit keine sicheren Bindungen zu Bezugspersonen vorhanden waren oder wenn Gewalt erlebt wurde.“ (S. 38) Bauer geht an dieser Stelle, wie auch an anderen Stellen des Buches (siehe unten) immer mal wieder auf die Kindheit ein. Trotzdem hat das Buch die Tendenz, eher soziale Ausgrenzung anzukreiden. Der Autor schreibt: „Armut bedeutet – vor allem für diejenigen, die ihr nicht durch eigenes Verschulden ausgeliefert sind – nicht nur existenzielle Not, sondern ist vor allem eine Ausgrenzungserfahrung. Aus diesem Grunde ist sie auch ein besonders ergiebiger Nährboden der Gewalt.“ (S. 40)
Die zentrale These von Bauer ist, dass sich die aus erlittenen Demütigungen und Ausgrenzung erzeugte Aggression oftmals nicht direkt verbal ausdrückt, sondern in ein inneres „Aggressionsgedächtnis“ verschiebt. Gewalt richtet sich dann nicht direkt an die Personen oder Institutionen, die ausgegrenzt haben, sondern an unbeteiligte Dritte. (Dass sich Aggressionen auch nach innen verschieben können, in Form von Selbstverletzungen usw. lässt er weitgehend außen vor) Bauer will so auch brutalste Angriffe und auch Amokläufe erklären. Bzgl. dieses Phänomens geht er auch auf Kindheitserfahrungen ein. „Wer aufgrund früherer, meist in den Kinderjahren erlittener Verletzungen keine tiefe Verbundenheit mit anderen Menschen fühlen kann, hat als Erwachsener bei schwierigen Alltagssituationen schneller als andere das Gefühl, abgelehnt oder verachtet zu werden. Er (oder sie) wird häufiger als andere Menschen eine »gefühlte Zurückweisung« erleben. Entsprechend schneller ist bei solchen Personen die Schmerzgrenze erreicht, und entsprechend steigt das Risiko einer aggressiven Reaktion.“ (S. 41) und „Vernachlässigte oder an Gewalterfahrungen gewöhnte Kinder erleben die Welt als einen gefährlichen Ort. Sie interpretieren – wie Studien zeigen – ihre Umwelt – insbesondere die ihnen begegnenden Menschen - auch dann eher als feindselig, wenn tatsächlich keine Gefahr zu erwarten wäre. Da aggressive Erfahrungen im Gehirn ein Wahrnehmungsschema hinterlassen, gehen von Gewalt betroffene Kinder davon aus, dass auch ihnen unbekannte Menschen feindselige Absichten haben. Die Folge ist eine eingeengte, veränderte Wahrnehmung der Welt.„ (S 49) und „Kinder und Jugendliche, die keine erzieherische Zuwendung erhalten, die vernachlässigt oder mit Gewalt traumatisiert wurden, bleiben hinter dem Entwicklungszeitplan ihres Gehirns in gefährlicher Weise zurück und entwickeln bleibende Hirnreifungsstörungen, die vor allem den Präfrontalen Cortex betreffen und derart schwerwiegend sein können, dass auch spätere Therapien oder andere Korrekturversuche nicht mehr greifen.“ (S. 67)
Der Autor sieht deutlich, wie wichtig Geborgenheit, Anerkennung und Liebe für Kinder ist. Wo diese fehlt, bleiben quasi "gespeicherte Aggressionen" zurück, die sich später destruktiv ausdrücken können. Trotz dieser seiner Erkenntnis nimmt diese festgestellte Grundlage nicht wirklich viel Raum in seinem Buch ein, was verwundert. Armut und soziale Ausgrenzung stehen im Vordergrund. Diesem Themengebiet hat er sogar gleich ein ganzes Kapitel gewidmet: „4. Armut, Ungleichheit und Gewalt“. Bauer geht z.B. auf die Korrelation zwischen Armut bzw. großen Einkommensunterschieden innerhalb von Gesellschaften und Mord-/Todschlagraten ein, um seine These von der Schmerzgrenze zu untermauern. (siehe S. 69ff) Kolumbien belegt einen Spitzenrang, was Mordraten angeht. Die Erniedrigung durch Armut würde das Aggressionspotential steigern, da die psychische Schmerzgrenze überschritten würde. Bauer fragt sich nicht, wie denn eigentlich die dominante Kindererziehungspraxis in Kolumbien aussieht. Der Bericht „Familiäre Gewalt und Kindesmissbrauch in Kolumbien“ zeigt auf, dass die Ursachen der Gewalt in den gewaltvollen Kindheiten vor Ort liegen. Ich würde dabei sogar noch weitergehen und die Frage stellen: In wie weit bewirkt eine weite Verbreitung von schwerer Gewalt gegen Kinder innerhalb einer Gesellschaft wie Kolumbien, dass sich diese Gesellschaft auch sozial, politisch und ökonomisch nicht wirklich weiterentwickelt und zurück bleibt? In wie weit bedingen die gewaltvollen Kindheiten in Kolumbien, dass entsprechend geprägte Menschen, die an Macht kommen, diese nutzen, um andere zu unterdrücken und auszugrenzen und gleichzeitig "die Unterdrückten", die einst als Kind gequälten, sich weitgehend in die Opferrolle einfügen, weil sie noch nie anderes erlebt haben?
In seinen Schlussfolgerungen schreibt der Autor noch einen wichtigen Satz: „Viele Familien sind, ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne dies zu wollen, Brutstätten für eine spätere Gewaltbereitschaft der in ihnen lebenden Kinder. Kinder, die keine zuverlässigen Bindungen zu ihren Bezugspersonen haben, um die sich kaum jemand kümmert und für die niemand Zeit hat, leben im Zustand der Ausgrenzung.“ (S. 124) Trotz dieser Erkenntnis widmet der Autor kein eigenes Kapitel der Kindheit, wohl aber der Armut und Ungleichheit.
Eine enorm wichtige Frage hat sich Joachim Bauer nicht gestellt: Wie gehen Menschen, die als Kind Geborgenheit und Liebe durch mindestens eine elterliche Bezugsperson erlebt haben und bestenfalls keine elterliche Gewalt erlebt haben, später mit erlebter sozialer Ausgrenzung um? Wird die Schmerzgrenze dieser Menschen auch soweit gereizt werden können, dass sie darauf mit Gewalt, Folter, Vergewaltigungen, Krieg und Terror reagieren? Ich glaube, dass Menschen, die als Kind Geborgenheit und Liebe erfahren haben, nicht gewalttätig auf spätere Konflikte und Ausgrenzungen reagieren werden. Wenn ich damit Recht habe, dann ist Armut und soziale Ausgrenzung nicht der zentrale Punkt, wenn es um die Ursachen von Gewalt geht. Ich glaube allerdings auch, dass Menschen, die als Kind Gewalt, Demütigungen und Missbrauch erlebt haben, wenn sie in ihrem späteren Leben erneute Demütigungen und soziale Ausgrenzungen erleben, ganz besonders reizbar sind und mit enormer Wut und Hass auf diese Dinge reagieren, die sie ja auch schon früh als Kinder erlebten. Sie erleben dann quasi einen Trigger. Kleinste Verletzungen im Alltag können dann zum Auslöser für brutalste Gewalt und Angriffe oder auch eigene Selbstverletzungen werden. Etwas ähnlich hat Bauer es vielleicht auch gesehen. Schade nur, dass er nicht mit aller Deutlichkeit den Ausgangspunkt destruktive Kindheit benannt hat. Entsprechend wird sein Buch dann auch besprochen. In zwei Beispielen befassen sich die Autoren nicht oder so gut wie kaum mit der Kindheit, sondern greifen rein Bauers Konzept von der überschrittenen Schmerzgrenze auf Grund sozialer Ausgrenzungen auf:
- http://www.faz.net/artikel/C30405/joachim-bauer-schmerzgrenze-diesseits-der-schmerzgrenze-30334350.html
- http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1438283/
Schließlich bleibt mir noch anzumerken, dass Gewalt und Terror in der Geschichte oftmals von Menschen ausging, die alles andere als unterprivilegiert, ausgegrenzt oder arm waren. Der Terrorchef Osama Bin Laden stammte aus einer wohlhabenden saudischen Unternehmerfamilie. Der syrische Diktator Gaddafi soll für sich und seine Familie ein Vermögen von etwa 60 Milliarden Dollar angehäuft haben. Familie Bush aus den USA war reich, ebenso wie all die kriegerischen Könige und Kaiser in der Geschichte die Reichesten der Reichen, die Mächtigsten der Mächtigen waren. Das Konzept „Schmerzgrenze überschritten auf Grund soziale Ausgrenzung“ greift zu kurz, wenn es um die ursächliche Erklärung von Gewalt geht.
Für mich war ein Kommentar zu diesem Buch eine gute Gelegenheit, meine Gedanken zum Thema Ursprünge von Gewalt zu sortieren. Grundsätzlich bestätigt Bauers Arbeit allerdings auch einige Ansätze, die ich hier im Blog verfolge. Insofern ist das Buch auch ein Gewinn. Trotzdem finde ich es sehr schade, dass der Autor seine Rückschlüsse zur Kindheit nicht wirklich rübergebracht bzw. diese nicht weiter in den Vordergrund gestellt hat.
Zunächst einmal fand ich es schön, dass der Autor die immer noch weit verbreitete Grundannahme, der Mensch verfüge über einen natürlichen „Aggressionstrieb“ (einer natürlichen „Lust an der Gewalt“), als ein durch heutige Forschungen belegtes unhaltbares Konzept beschreibt. Unser Gehirn sei vielmehr auf Kooperation eingestellt und auf das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit. Aggressionen gar Gewalt sind – so die Hirnforschung – zunächst einmal keine zentralen menschlichen Handlungsoptionen. Aggressionen sind allerdings etwas Lebenswichtiges. Sie versetzen Lebewesen in die Lage, Schmerz abzuwehren und ihre körperliche Unversehrtheit zu bewahren. Das ist ihre „natürliche“ Aufgabe. Wer sich der Schmerzgrenze eines Lebewesens nähert oder diese überschreitet, wird Aggression ernten. Das Zentrale an Bauers Buch wird durch folgendes Zitat deutlich: „Die Schmerzgrenze wird »aus Sicht des Gehirns« keineswegs nur dann überschritten, wenn Menschen physischer, also körperlicher Schmerz zugefügt wird. Die Schmerzzentren des Gehirns reagieren auch dann, wenn Menschen sozial ausgegrenzt oder gedemütigt werden.“ (S. 36)
„Die Beobachtung, dass soziale Zurückweisung, Ausgrenzung und Verachtung »aus Sicht des Gehirns« wie körperlicher Schmerz wahrgenommen werden, bedeutet einen Durchbruch im Verständnis der menschlichen Aggression. Mit einem Male wird verständlich, warum nicht nur körperlicher Schmerz, sondern auch Ausgrenzung und soziale Demütigungen potente Reize darstellen, die den neurobiologischen Aggressionsapparat aktivieren und Gewalt hervorrufen können.“ (S. 35)
Erfolgreich kommunizierte Aggression ist konstruktiv, so Bauer. Sprich die Menschen, die Verachtung und Ausgrenzung erfahren, müssen dies ausdrücken können und bestenfalls auch eine konstruktive Reaktion bekommen. Aggression, die ihre kommunikative Funktion verloren hat, ist destruktiv. Wichtig fand ich dabei die folgende „beiläufige“ Info im Buch: „Hemmungen und andere Schwierigkeiten, legitime Aggression zu kommunizieren, entstehen vor allem dann, wenn in den Jahren der Kindheit keine sicheren Bindungen zu Bezugspersonen vorhanden waren oder wenn Gewalt erlebt wurde.“ (S. 38) Bauer geht an dieser Stelle, wie auch an anderen Stellen des Buches (siehe unten) immer mal wieder auf die Kindheit ein. Trotzdem hat das Buch die Tendenz, eher soziale Ausgrenzung anzukreiden. Der Autor schreibt: „Armut bedeutet – vor allem für diejenigen, die ihr nicht durch eigenes Verschulden ausgeliefert sind – nicht nur existenzielle Not, sondern ist vor allem eine Ausgrenzungserfahrung. Aus diesem Grunde ist sie auch ein besonders ergiebiger Nährboden der Gewalt.“ (S. 40)
Die zentrale These von Bauer ist, dass sich die aus erlittenen Demütigungen und Ausgrenzung erzeugte Aggression oftmals nicht direkt verbal ausdrückt, sondern in ein inneres „Aggressionsgedächtnis“ verschiebt. Gewalt richtet sich dann nicht direkt an die Personen oder Institutionen, die ausgegrenzt haben, sondern an unbeteiligte Dritte. (Dass sich Aggressionen auch nach innen verschieben können, in Form von Selbstverletzungen usw. lässt er weitgehend außen vor) Bauer will so auch brutalste Angriffe und auch Amokläufe erklären. Bzgl. dieses Phänomens geht er auch auf Kindheitserfahrungen ein. „Wer aufgrund früherer, meist in den Kinderjahren erlittener Verletzungen keine tiefe Verbundenheit mit anderen Menschen fühlen kann, hat als Erwachsener bei schwierigen Alltagssituationen schneller als andere das Gefühl, abgelehnt oder verachtet zu werden. Er (oder sie) wird häufiger als andere Menschen eine »gefühlte Zurückweisung« erleben. Entsprechend schneller ist bei solchen Personen die Schmerzgrenze erreicht, und entsprechend steigt das Risiko einer aggressiven Reaktion.“ (S. 41) und „Vernachlässigte oder an Gewalterfahrungen gewöhnte Kinder erleben die Welt als einen gefährlichen Ort. Sie interpretieren – wie Studien zeigen – ihre Umwelt – insbesondere die ihnen begegnenden Menschen - auch dann eher als feindselig, wenn tatsächlich keine Gefahr zu erwarten wäre. Da aggressive Erfahrungen im Gehirn ein Wahrnehmungsschema hinterlassen, gehen von Gewalt betroffene Kinder davon aus, dass auch ihnen unbekannte Menschen feindselige Absichten haben. Die Folge ist eine eingeengte, veränderte Wahrnehmung der Welt.„ (S 49) und „Kinder und Jugendliche, die keine erzieherische Zuwendung erhalten, die vernachlässigt oder mit Gewalt traumatisiert wurden, bleiben hinter dem Entwicklungszeitplan ihres Gehirns in gefährlicher Weise zurück und entwickeln bleibende Hirnreifungsstörungen, die vor allem den Präfrontalen Cortex betreffen und derart schwerwiegend sein können, dass auch spätere Therapien oder andere Korrekturversuche nicht mehr greifen.“ (S. 67)
Der Autor sieht deutlich, wie wichtig Geborgenheit, Anerkennung und Liebe für Kinder ist. Wo diese fehlt, bleiben quasi "gespeicherte Aggressionen" zurück, die sich später destruktiv ausdrücken können. Trotz dieser seiner Erkenntnis nimmt diese festgestellte Grundlage nicht wirklich viel Raum in seinem Buch ein, was verwundert. Armut und soziale Ausgrenzung stehen im Vordergrund. Diesem Themengebiet hat er sogar gleich ein ganzes Kapitel gewidmet: „4. Armut, Ungleichheit und Gewalt“. Bauer geht z.B. auf die Korrelation zwischen Armut bzw. großen Einkommensunterschieden innerhalb von Gesellschaften und Mord-/Todschlagraten ein, um seine These von der Schmerzgrenze zu untermauern. (siehe S. 69ff) Kolumbien belegt einen Spitzenrang, was Mordraten angeht. Die Erniedrigung durch Armut würde das Aggressionspotential steigern, da die psychische Schmerzgrenze überschritten würde. Bauer fragt sich nicht, wie denn eigentlich die dominante Kindererziehungspraxis in Kolumbien aussieht. Der Bericht „Familiäre Gewalt und Kindesmissbrauch in Kolumbien“ zeigt auf, dass die Ursachen der Gewalt in den gewaltvollen Kindheiten vor Ort liegen. Ich würde dabei sogar noch weitergehen und die Frage stellen: In wie weit bewirkt eine weite Verbreitung von schwerer Gewalt gegen Kinder innerhalb einer Gesellschaft wie Kolumbien, dass sich diese Gesellschaft auch sozial, politisch und ökonomisch nicht wirklich weiterentwickelt und zurück bleibt? In wie weit bedingen die gewaltvollen Kindheiten in Kolumbien, dass entsprechend geprägte Menschen, die an Macht kommen, diese nutzen, um andere zu unterdrücken und auszugrenzen und gleichzeitig "die Unterdrückten", die einst als Kind gequälten, sich weitgehend in die Opferrolle einfügen, weil sie noch nie anderes erlebt haben?
In seinen Schlussfolgerungen schreibt der Autor noch einen wichtigen Satz: „Viele Familien sind, ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne dies zu wollen, Brutstätten für eine spätere Gewaltbereitschaft der in ihnen lebenden Kinder. Kinder, die keine zuverlässigen Bindungen zu ihren Bezugspersonen haben, um die sich kaum jemand kümmert und für die niemand Zeit hat, leben im Zustand der Ausgrenzung.“ (S. 124) Trotz dieser Erkenntnis widmet der Autor kein eigenes Kapitel der Kindheit, wohl aber der Armut und Ungleichheit.
Eine enorm wichtige Frage hat sich Joachim Bauer nicht gestellt: Wie gehen Menschen, die als Kind Geborgenheit und Liebe durch mindestens eine elterliche Bezugsperson erlebt haben und bestenfalls keine elterliche Gewalt erlebt haben, später mit erlebter sozialer Ausgrenzung um? Wird die Schmerzgrenze dieser Menschen auch soweit gereizt werden können, dass sie darauf mit Gewalt, Folter, Vergewaltigungen, Krieg und Terror reagieren? Ich glaube, dass Menschen, die als Kind Geborgenheit und Liebe erfahren haben, nicht gewalttätig auf spätere Konflikte und Ausgrenzungen reagieren werden. Wenn ich damit Recht habe, dann ist Armut und soziale Ausgrenzung nicht der zentrale Punkt, wenn es um die Ursachen von Gewalt geht. Ich glaube allerdings auch, dass Menschen, die als Kind Gewalt, Demütigungen und Missbrauch erlebt haben, wenn sie in ihrem späteren Leben erneute Demütigungen und soziale Ausgrenzungen erleben, ganz besonders reizbar sind und mit enormer Wut und Hass auf diese Dinge reagieren, die sie ja auch schon früh als Kinder erlebten. Sie erleben dann quasi einen Trigger. Kleinste Verletzungen im Alltag können dann zum Auslöser für brutalste Gewalt und Angriffe oder auch eigene Selbstverletzungen werden. Etwas ähnlich hat Bauer es vielleicht auch gesehen. Schade nur, dass er nicht mit aller Deutlichkeit den Ausgangspunkt destruktive Kindheit benannt hat. Entsprechend wird sein Buch dann auch besprochen. In zwei Beispielen befassen sich die Autoren nicht oder so gut wie kaum mit der Kindheit, sondern greifen rein Bauers Konzept von der überschrittenen Schmerzgrenze auf Grund sozialer Ausgrenzungen auf:
- http://www.faz.net/artikel/C30405/joachim-bauer-schmerzgrenze-diesseits-der-schmerzgrenze-30334350.html
- http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1438283/
Schließlich bleibt mir noch anzumerken, dass Gewalt und Terror in der Geschichte oftmals von Menschen ausging, die alles andere als unterprivilegiert, ausgegrenzt oder arm waren. Der Terrorchef Osama Bin Laden stammte aus einer wohlhabenden saudischen Unternehmerfamilie. Der syrische Diktator Gaddafi soll für sich und seine Familie ein Vermögen von etwa 60 Milliarden Dollar angehäuft haben. Familie Bush aus den USA war reich, ebenso wie all die kriegerischen Könige und Kaiser in der Geschichte die Reichesten der Reichen, die Mächtigsten der Mächtigen waren. Das Konzept „Schmerzgrenze überschritten auf Grund soziale Ausgrenzung“ greift zu kurz, wenn es um die ursächliche Erklärung von Gewalt geht.
Für mich war ein Kommentar zu diesem Buch eine gute Gelegenheit, meine Gedanken zum Thema Ursprünge von Gewalt zu sortieren. Grundsätzlich bestätigt Bauers Arbeit allerdings auch einige Ansätze, die ich hier im Blog verfolge. Insofern ist das Buch auch ein Gewinn. Trotzdem finde ich es sehr schade, dass der Autor seine Rückschlüsse zur Kindheit nicht wirklich rübergebracht bzw. diese nicht weiter in den Vordergrund gestellt hat.
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2 Kommentare:
Bleibt noch die Frage, warum Herr Bauer, der sonst sehr bewusst und analytisch zu denken und zu gewichten scheint, diese Schieflage in seiner Ursachenbeurteilung nicht erkannt hat. Weiss er (oder der Verlag), dass das Thema Kindheit in diesem Zusammenhang nicht gern gesehen wird? Oder will er es selber nicht konsequenter sehen?
Ich habe kürzlich Joachim Bauer angeschrieben und auf meinen Kommentar zu seinem Buch hingewiesen. Hier seine Antwort:
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Sehr geehrter Herr Fuchs
vielen Dank für Ihre faire und sorgfältige Rezension.
Mein Buch sollte deutlich machen, dass bei der Entstehung von Gewalt viele Faktoren Einfluss haben, sowohl biografische als auch soziale. Dabei wollte ich keineswegs die einen Faktoren gegen die anderen ausspielen.
Alles auf die Kindheit zu schieben erscheint mir ebenso problematisch wie ausschließlich auf soziale Einflussfaktoren zu schauen. Beides steht in engstem Zusammenhang. Ich habe versucht, in meinem Buch "Schmerzgrenze" beides zu würdigen: den enormen Einfluss der Kindheit UND die Bedeutung des sozialen Umfeldes.
Wenn Sie wollen, können Sie den vorangegangenen Absatz gerne in Ihrem Blog zitieren.
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